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Buntstifterschulungen

Diejenigen, die angestiftet wurden – ob beim Buntstifter-Kongress, von Freund_innen oder durch unser Facebookprofil – die bereit waren, aktiv zu werden, um die Welt inklusiver und bunter zu gestalten, hatten die Gelegenheit an einer der der Buntstifterschulungen, die wir deutschlandweit in 4 verschiedenen Städten durchführten, teilzunehmen.

Du willst wissen was dort lief? Hier gibt’s einen Erfahrungsbericht von der Schulung in Berlin:

 

Die Welt tickt nicht so wie ich
(von Gaby Debatin)

Starre Denkmuster durchbrechen, Grenzen überschreiten, den Horizont erweitern: Vom 13. bis 15. Februar setzten sich die Teilnehmenden des Diversity-Trainings in Berlin mit dem Abbau von Barrieren und der Wertschätzung von Unterschieden auseinander – auf dem Weg in eine inklusive Gesellschaft, in der jede/jeder die gleichen Chancen hat.

Diversity-Trainer Lawrence Oduro-Sarpong sitzt mit den acht Teilnehmenden der Buntstifter-Schulung in einem Kreis. Jeder gibt an seinen Nachbarn eine Schere entweder geschlossen oder offen weiter. Wer die Schere erhält, sagt „geschlossen“ oder „offen“. Wenn das richtig war, gibt er die Schere wieder geschlossen oder offen weiter. „Halt, war die Schere offen oder geschlossen?“ fragt Lawrence immer wieder und macht die Übung nochmals vor: Er öffnet und schließt die Schere. Er öffnet und schließt aber auch seine Beine. Wer sich auf die Schere fixiert, erkennt das erweiterte System nicht: Denn nur, wenn die Beine geöffnet sind, gilt die Schere als offen übergeben – unabhängig davon, ob die Schere selbst geschlossen oder offen ist.

In der Schulung geht es darum, dass die Teilnehmenden „Diversity Kompetenz“ erwerben, sich zunächst ihrer eigenen vorherrschenden und schnell aktivierten Denkmuster bewusst werden, „erkennen, wo die Sachen im Unterbewusstsein anfangen“, wie Lawrence es sagt. „Ist die soziale Prägung noch bewusst?“, fragt er. Wie eng und automatisch sind visuelle Wahrnehmung und sprachliche Bezeichnung verzahnt? Wie schnell folgt die Beurteilung in gut oder schlecht?

„Es geht darum, Beobachter des Ganzen zu sein, mehr zu sehen und zu hören. Wenn Unterschiedliches oder Unbekanntes auf uns trifft, dann kommen wir mit unseren gewohnten Orientierungssystemen nicht mehr weiter. Wenn wir einen Schritt wagen über festgefahrene Grenzen, dann erweitern wir unseren Horizont und finden neue Möglichkeiten des Zusammenlebens“, erklärt der Referent.

Die Welt tickt nicht so wie ich oder anders gesagt: „Einsicht in die Relativität von Weltinterpretationen“ ist ein Baustein von „Diversity Kompetenz“, genauso wie das „Erkennen und Vermeiden von Stereotypen“ und der „Erwerb von Wissen über fremde Kulturen und Lebensformen“.

„Es ist sehr interessant zu sehen, wo ich selbst stehe“, sagt Seminar-Teilnehmerin Anja, die einen gehörlosen Bruder hat. Und Anastasia, deren Eltern polnischer Herkunft sind, ergänzt, dass es wichtig sei, selbst Vorurteile abzubauen, bevor man von anderen erwartet, keine zu haben.

Janis Geiger, ebenfalls Referent der Buntstifter-Schulung, versteht „Diversity-Kompetenz“ als Voraussetzung für eine inklusive, barrierefreie Gesellschaft, in der jeder Mensch mit seinen individuellen Merkmalen die gleiche Chance zur Teilhabe hat. Janis ist angehender Coach für Parkour. Diese Sportart und Lebensphilosophie möchte er anderen näher bringen und dabei Menschen fördern, die benachteiligt werden.

Janis kam gehörlos zu Welt. Er versteht durch Lippenlesen und hat ergänzend ein Hörgerät. Er verfügt über eine doppelte Sprachkompetenz – Lautsprache und Gebärdensprache – und wünscht sich, dass er normal wahrgenommen wird und machen kann, was alle anderen auch machen. Doch er ist mit dem Vorurteil „Du kannst nicht kommunizieren“ konfrontiert, eine Barriere, die ihn immer wieder in die Position zwingt, im beruflichen Kontext „200 Prozent zu bringen“.

Seit Dezember 2006 gilt für alle EU-Staaten eine gemeinsame Gesetzgebung – in Deutschland als „Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz“ verankert – gegen Diskriminierung aufgrund von Herkunft oder Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexuelle Orientierung. Menschen, die sich aufgrund einer oder mehrerer dieser Dimensionen benachteiligt fühlen, können eine Klage einreichen. Damit verengt sich der legale Handlungsrahmen von Unternehmen.

Wie Studien belegen, werden dennoch Bewerbungen allein wegen fremd klingender Namen der Bewerber aussortiert – oder aufgrund des Passfotos.

Lawrence ist in Ghana geboren und aufgewachsen. Mit 25 Jahren kam er nach Deutschland und studierte „Deutsch als Fremdsprache“. Er ist freiberuflich tätig als Referent für globales Lernen, Diversity-Trainer und Konflikt-Mediator. „Meine neueste Baustelle heißt Weißseins-Reflexion“, so Lawrence. Damit will er einen Prozess anstoßen, um der weißen Mehrheit bewusst zu machen, dass eine helle Hautfarbe ein Privileg ist. Während es mittlerweile in Deutschland eine Frauen-Quote für Unternehmen gäbe, fehle für Schwarze Menschen und andere People of Color (PoC) die Gleichberechtigung im alltäglichen und beruflichen Leben. Sie seien ad hoc unter „Migrant“ eingestuft, auch weil die Medien nicht darauf achteten, ihre Sprache frei von benachteiligenden Tendenzen und Stigmatisierung zu halten. Lawrence wünscht sich eine stärkere Lobby für Schwarze Menschen und People of Color. Er plädiert für die Einstellung von Beauftragten, die in Unternehmen durchsetzen, dass die Arbeitnehmerstruktur die Vielfalt der Bevölkerungsstruktur widerspiegelt.

Jeder der Teilnehmenden berichtet aus seinem Erfahrungshintergrund heraus. „Wir sind nicht immer einer Meinung, aber das macht nichts“, bemerkt Lars, der sieben (Halb-)Geschwister hat. „Es zeichnet das Jugendrotkreuz aus, dass wir ein pluralistischer Verband sind.“ Einig waren sich allerdings alle Teilnehmenden, dass Kommunizieren alleine nicht ausreicht. Chancengleichheit kann erreicht werden, „wenn bestehende Systeme und Dominanz-Kulturen hinterfragt werden und starre Strukturen aufgelöst werden“, so Lawrence.

So endet die Schulung wie die Geschichte von der Giraffe und dem Elefanten*: die beiden wollen sich besser kennen lernen, auch weil sie beide Schreiner sind. Als die Giraffe den Elefanten in ihr Haus einlädt, um ihre Schreiner-Werkstatt zu zeigen, kommt der Elefant zwar noch durch die Haustür, indem die Giraffe ein paar Bretter beseitigt. Auf dem Weg in die Werkstatt aber kracht und knirscht es auf dem Boden und an den Wänden und der Elefant passt partout nicht durch den Eingang zur Werkstatt. „Kein Problem, meint die Giraffe, „Sie müssen schlanker werden und ein paar Wochen im Fitnessstudio trainieren“. „Kann sein“, antwortet der Elefant. „Aber wird ein für eine Giraffe entworfenes Haus je für einen Elefanten passen, außer es würden einige tiefgreifende Umbaumaßnahmen vorgenommen?“

* Quelle: R. Roosevelt Thomas, „Managment of Diversity“

 

Was bedeutet…

… Diversity
Das englische Wort diversity bedeutet “Vielfalt” und meint eine positive Wertschätzung der Verschiedenheit von Individuen, die sich augrund der Dimensionen Herkunft oder Hautfarbe, Geschlecht, Religion, Behinderung, Alter und sexueller Orientierungvoneinander unterscheiden.

Ziele von Diversity-Ansätzen
- Vielfalt und Unterschiede als Bereicherung zu verstehen und zu erleben
- Chancengleichheit zu verbessern
- Diskriminierung von Minderheiten zu verhindern

… Inklusion
Inklusion kommt von lateinisch „inclusio“, heißt „Einschließung“ und meint die gleichberechtigte und umfassende Teilhabe für jede/jeden an allen Bereichen der Gesellschaft (z. B. Schule, Arbeitsplatz, Wohnviertel, Freizeit). Für die Umsetzung einer inklusiven Gesellschaft bedarf es dem Abbau von „Barrieren in den Köpfen“ und Hürden in der Umwelt.
Das „Buntstifter-Projekt“ macht sich dafür stark, dass jeder und jede Jugendliche das uneingeschränkte Recht hat, an allen Bereichen des Lebens gleichberechtigt mitzumachen.